Krieg spielen ohne Ruhm und Ehre

Die Berichte und Bilder vom Leben der Menschen in Mariupol sind herzzerreißend. Für viele Menschen in Deutschland hatte sich Krieg immer weit weg angefühlt.

Doch sie wiederholen sich, die Geschichten: In uns fremden Teilen dieser Welt wissen Menschen, was Krieg bedeutet, wie sich Angst anfühlt und sind vertraut mit der Abwesenheit von Sicherheit. Aber auch in Deutschland war einmal Krieg: FDP-Politiker Gerhart Baum sieht in der Ukraine dieselben traumatisierenden Bilder, die er mit 12 Jahren bei der Bombardierung Dresdens erlebt hat. Sie wiederholen sich also, die Geschichten.

Was heißt es in einem Krieg zu leben? In dem Videospiel This War of Mine schlüpfen Spieler:innen in die Rolle von Zivilist:innen und müssen in einer umkämpften Stadt überleben. Und sie müssen schwierige Entscheidungen treffen. Die Atmosphäre von This War of Mine ist bedrückend – die Zeit nannte das Spiel 2014 “Das traurigste Spiel des Jahres”.  In der Erweiterung This War of Mine: The Little Ones schlüpft man in die Rolle von Kindern in Kriegsgebieten. Sogar ein Brettspiel gibt es mittlerweile.

Darum geht es: Verschanzt in einem halb zerstörten Haus sorgen wir mit Katja, Pavel und Bruno für ausreichend Nahrung, Medizin und Brennholz. Sicherheit gibt es nicht. Einbrecher besuchen das Haus während der Nacht, das Radio berichtet über die politischen Geschehnisse. Das Ganze scheint den Bildern und Worten rund um den Krieg in der Ukraine erschreckend ähnlich. In der eigenen Wohnung können wir Gegenstände bauen, zum Beispiel Rattenfallen, Öfen oder Betten, auch ein Händler kommt ab und zu vorbei, doch um zu überleben, müssen wir auf Beutesuche gehen.

In der Stadt lassen sich verschiedenen Orte besuchen: Kirchen, Märkte, ein Militärstützpunkt, Wohnhäuser oder Lagerhäuser. Dort finden wir Gegenstände oder treffen andere Menschen. Einige bedrohen uns, für andere sind wir die Bedrohung. Immer wieder werden wir vor moralische Dilemmata gestellt: Um selbst zu überleben, berauben wir alte Menschen oder helfen wir ihnen? Wenden wir Gewalt an oder riskieren wir lieber unser Leben? 

Überall lauern Gefahren: Auf offener Straße, beim Plündern fremder Häuser, selbst in der eigenen Wohnung. Eine falsche Entscheidung führt schnell zum Tod eines Charakters. Im Spiel ist speichern und laden nicht möglich. Stirbt ein Charakter, fehlt dieser nicht nur im Team, auch die Moral unserer Gruppe sinkt. Auch wir werden demoralisiert, denn in dem Spiel lernen wir ihre Geschichte kennen und erfahren ihre Wünsche und Träume.

Die meisten Kriegsspiele erzählen glorifizierte Heldengeschichte von Soldaten. Battlefield, Call of Duty oder Far Cry sind beliebte Shooter-Serien, in denen Spieler:innen sich den Weg freischießen. Menschen sind nicht viel mehr als Zielscheiben. Das so viele AAA-Videospiele vor allem auf Gewalt setzen, wo das Medium so viele kreative Formen ermöglichen würde, kritisierte kürzlich auch Matthias Kreienbrink von t3n: “Gerade jetzt könnte es sich doch lohnen, auch im AAA-Bereich an Spielmechaniken zu arbeiten, deren Hauptbestandteil nicht Gewalt ist. …Erfindungsreichtum in den Interaktionsmöglichkeiten neben der Gewalt könnte zu ganz neuen Spielerfahrungen führen.”

Was es bedeutet, in einem Krieg zu überleben, erfahren wir nicht. Serious Games sollen motivieren und gleichzeitig haben sie ein ernstes Anliegen. 2014 wurde This War of Mine von 11 bit studios, einem Team aus Warschau veröffentlicht. Die Entwicklung hat zwei Jahre gedauert. Das Spiel hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Chefentwickler Pawel Miechowski sagte Zeit Online: “Wir glauben nicht, dass Spieler immer nur Entertainment wollen. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass das Medium erwachsen genug ist, wichtige Themen zu behandeln.” Miechowski erklärte, dass sowohl Eindrücke der Konflikte in Bosnien, Syrien sowie im Irak in das Spiel eingeflossen sind, genauso wie Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg, zum Beispiel aus den Ghettos in Warschau. Die Entwickler:innen haben zahlreiche persönliche Geschichten von Zivilist:innen in Kriegen gelesen. Am meisten hat sie der Text One Year in Hell beeinflusst, in dem eine anonyme Person das Überleben im Bosnienkrieg dokumentierte.

Was kann ein Fazit sein? Vielleicht: Spiele, wie This War of Mine, ermahnen uns auch zu Friedenszeiten daran, was Krieg bedeutet, um uns zu motivieren für Frieden zu kämpfen, lange bevor ein Krieg ausbricht.

Kommunikation und der Schutz unseres Planeten Erde sind meine Leidenschaft. Ich mag Perspektivenvielfalt und entwickle neue Idee für alte Probleme, um Kommunikation menschlich zu machen. Ich lebe in Hamburg.

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