Verreisen auf YouTube

Menschen segeln durch Stürme, klettern auf Berge und leben in Geisterstädten. Sie erleben Abenteuer, jetzt, überall auf der Welt. Einigen dieser Geschichten kann man folgen: auf YouTube.

Menschen segeln durch Stürme, klettern auf Berge und leben in Geisterstädten. Sie erleben Abenteuer, jetzt, überall auf der Welt. Einigen dieser Geschichten kann man folgen: auf YouTube.

Vor einem Jahr saßen wir ungläubig vor den Fernsehern als Politiker:innen verkündeten: Wenn es ganz hart käme, würden die Osterferien ausfallen. Ja, ja, dachten wir. Das war 2020. Und auch dieses Jahr fielen die Osterreisen aus. Unser Fernweh müssen wir anders stillen.

Auch wenn ich mir hin und wieder Dokumentationen in Mediatheken anschaue, merke ich wie distanziert mir das vorkommt. Geschichten wirken konstruiert, Menschen idealisiert. Mein Weg in die Ferne ist ein anderer: Ich folge YouTube-Kanälen und Menschen bei ihren Erlebnissen. Ich stelle Euch meine Lieblingskanäle vor: Wir bewegen uns durch die Lüfte, auf dem Wasser, klettern auf Berge und durchqueren Wälder. Wir essen Exotisches und besuchen Geister.

Los geht’s! Wir starten im Norden. Dort besuchen wir Lena. Sie zog 2017 von Hamburg nach Norwegen. Den Stress der Großstadt ertrug sie nicht mehr. Ein Besuch in Norwegen verschaffte ihr das Gefühl zu Hause zu sein. Jetzt wohnt sie 3,5 Stunden nordwestlich von Oslo in Hemsedal mit ihrem Freund. Hier fühlt sie sich zu Hause.

Im Nachbarland Schweden wohnt Jonna. Ihre Filme über Eisbaden, die Geräusche gefrorener Seen, die Ernte von Birkenwasser und die Ausflüge mit ihrem Hund Nanook schauen Menschen rund um die Welt. Sie hat mittlerweile über 3,5 Millionen Abonnent:innen. Viele kommen aus Indien oder den USA. Wenn man einen Traum von Skandinavien hat, erscheinen in ihm wahrscheinlich ähnliche Bilder wie in ihren Filmen.

Wir überqueren den Ozean auf einem Segelboot. Es gibt zahlreiche Schiffe, denen man auf ihren Reisen um die Welt auf YouTube folgen kann. Wasser ist (heute) ein seltener Reiseweg – einige Orte, die mit man mit Schiffen besuchen kann, sind mit anderen Transportmitteln unerreichbar. Inseln, kleine Küstenstädte oder Atolle zeigen uns die blaue Seite unseres Planeten, der immerhin zu zwei Dritteln aus Wasser besteht. Man merkt bei den Reisen auch, dass Grenzen eine andere Bedeutung einnehmen: Wasser verbindet alle Länder, einen Schlagbaum zwischen Ländern gibt es nicht. Vor kurzem habe ich das Buch Taschenatlas der abgelegenen Inseln von Jufith Schalansky gelesen, in dem sie 50 ferne Inseln porträtiert. Wer mit der Besatzung eines Bootes auf einer menschenleeren Insel landet, wird ein bisschen sehsüchtig nach der crusoeischen Idylle. Die Zivilisation ist plötzlich weit weg. Ihre Probleme auch.

Ich schaue gerne den Kanal der SV Delos. Wir gehen aber an Bord der La Vagabonde. Die beiden Australier Elayna und Riley kauften sich das Schiff ohne zu wissen wie man segelt. Mittlerweile sind sie rund sechs Jahre auf See und erwarten ihr zweites Kind. Die wohl berühmteste Begleiterin auf den Schiff war 2019 Greta Thunberg. Sie segelten die Schwedin über den Atlantik zur Klimakonferenz nach Madrid.

Im Norden von Amerika besuchen wir Backi und Chris in Buffalo. Zugegeben: Ihren Kanal schaue ich vor allem wegen ihren Foto- und Videotutorials. Ich mag ihren Stil. Chris besitzt einen Helikopter und regelmäßig kann man mit ihnen Ausflüge machen. Das wohl spannendste Erlebnis ist eine sechsteilige Reisedokumentation zu unterschiedlichen Inseln von Neufundland.

Gut, Aidin Robbins ist Filmemacher und auf seinem YouTube-Kanal findet man vor allem Tutorials. Ich möchte euch trotzdem eines seiner Videos vorstellen. Darin beantwortet er eine wichtige Frage: Muss man an einem besonderen Ort leben, um Abenteuer zu erleben? Spoiler: Es geht weniger um die Orte. Unsere Art, die Welt zu sehen und zu erleben ist der Schlüssel. Dem würde Roger Willemsen sicher zustimmen. Corona beschränkt unseren Reiseradius. Das gibt uns Gelegenheit die eigene Heimat neu zu entdecken. Untersuchungen zeigen, dass wir manchmal Unterbrechungen unserer Routinen brauchen, um uns auf Neues einzulassen. Also nutzen wir die Chance!

Cody und Victoria Blue leben am See Tahoe in Kalifornien. Sie klettern auf Berge, fahren Kanu und Snowboard – machmal am selben Tag. Ich mag ihre Ausflüge und Erlebnisse in der Wildnis. Ihre Schüchternheit hat etwas Vertrautes.

Zugegeben: Das ist wohl der skurrilste YouTube-Kanal, den ich kenne. Brent hat sein Leben in der Finanzbranche hinter sich gelesen und sich am Rande des Death Valley National Parks den alten Minenort Cerro Gordo gekauft, inklusive dem Land drum herum. Der Ort war einmal Kaliforniens größte Silberproduktionsstätte. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Los Angeles zu dem wurde, was es heute ist. 4.500 Menschen lebten hier.

Was als absurde Idee vor rund einem Jahr begonnen hat, ist mittlerweile zu einem Vollzeitprojekt angewachsen. Man spürt Brents Liebe zu dem Ort und seiner Geschichte. Die alten Häuser – beziehungsweise ihre Reste – werden renoviert. Neben den Ziegen gibt es jetzt auch Lamas. Und in der Umgebung gibt es sehr viel zu entdecken: Alte Mienen, kleine Hütten und verlassene Ruinen aus alten Goldgräberzeiten. Alles über hundert Jahre unberührt! Brent veröffentlicht jede Woche ein Video. Man kann mit ihm in alte Mienen klettern und ihn auf Entdeckungstour über die Berge begleiten.

Ich liebte die Dokuserie Foodhunter, in der sich der Amerikaner Mark Brownstein in Asien auf der Suche nach besonderen Genüssen durch Urwälder schlug oder durch Street Food Märkte probierte. Die kulinarischen Besonderheiten bot er den besten Restaurants der Welt an. Mark Wiens erinnert mich sehr an die alte Serie. Seine Leidenschaft für Essen fesselt. Seine Nähe zu den Menschen und Bemühungen, die exotischen Geschmäcker zu beschreiben, verbindet Kulturen. Wie ginge das auch besser als über Essen? Außerdem steckt hinter seinen Videos noch eine Botschaft: Geschmack entsteht durch Vielfalt, Wissen über Natur und Zutaten, traditionelle Methoden und Aufgeschlossenheit. Ein Gegenplädoyer zur Tiefkühlpizza.

Japan ist einer meiner Lieblingsländer. Leider auch verdammt weit weg. Das Land verbindet so viel – im Guten und im Schlechten. Moderne Metropolen und ländliche Traditionen. Geschichte und Zukunft. Das Meer und die Berge. Etagenhohe Spielkasinos neben winzigen (unglaublich guten) Restaurants. Hannah entdeckt und erklärt Japan. Was ein gutes Hotel ausmacht, wo es die besten japanischen Bäder gibt (Onsenjapanisch 温泉) und warum sie und Japaner:innen Mochi so lieben. Oft ist sie alleine unterwegs. Ihre Eindrücke und Gedanken sind immer sehr persönlich.

Quinlan zeigt euch die Berge im Norden von Japan. Nicht immer ist er alleine unterwegs, aber immer hat er Wissen über die Region und über Japan parat. Ein wandelndes Lexikon. Man kann also nicht nur die wunderschöne Naturaufnahmen seiner Videos genießen, gleichzeitig lernt man viel über die Regionen und über Japan.

Andere Freizeitbeschäftigungen waren unmöglich. Deshalb habe ich 2020 angefangen, mir Drehen und Schneiden beizubringen. Ich war viel draußen in der Natur und habe versucht die Stimmung in den Videos einzufangen. Kein Vergleich mit den beschriebenen Vorbildern, schaut trotzdem gerne mal in meine Ausflüge rein.

Gedanken

Die Welt rückt zusammen, wenn Menschen uns auf ihre persönlichen Entdeckungen mitnehmen. Trotzdem merke ich: Content aus Regionen wie Afrika oder Südamerika wird mir kaum in meine Chronik gespült. Das Internet vernetzt, aber irgendwie nicht alle Menschen. Und in Deutschland? Ich habe bisher wenige spannende Kanäle gefunden. Dabei gäbe es doch gute Geschichten: Nahreisegebiete und Wanderwege wünschen mehr junge Menschen. Landwirte und Höfe könnten ihr Wissen über die Natur teilen. Generell alle, die Handwerk betreiben, die Künste perfektionieren, finden auf YouTube Anerkennung (und Abnehmer:innen).

Welche Kanäle könnt ihr empfehlen?

Seit mehr als 10 Jahren arbeitet Hanno kommunikativ für Umweltschutz in einer Kampagnenorganisation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.